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DIR Gedichte   By: (1872-1942)

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DIR

GEDICHTE VON HEINRICH VOGELER

WORPSWEDE.

ERSCHIENEN IM VERLAGE DER »INSEL« BEI SCHUSTER UND LÖFFLER BERLIN

1899.

WIDMUNGEN.

Herzallerliebste, denke mein, Wenn im Garten blühen die Blümelein, Wenn morgends der goldene Sonnenschein Schaut in Deine Fensterlein!

Dann musst Du hinab in den Garten gehn; Musst liebevoll nach den Blumen sehn. Manch Mägdlein liess sie traurig stehn, Sie mussten sterben und vergehn.

Wenn der Mond in hellen Silbernächten Steigt leise in Dein Kämmerlein, Wenn er spielt mit Deinen goldnen Flechten, Schaut in die Augen Dir hinein, Wenn er küsst Dein weiches Seidenhaar, Dann bringt er Dir meine Grüsse dar.

Ihr bunten Frühlingssänger zieht Über Wald und Haide mit meinem Lied! Du wilder, rasender Frühlingswind Grüss' in der Ferne mein goldiges Kind! Braus' über die weite Haide hin; Grüss' meine Herzenskönigin!

Blaue Hyazinthenblüthen Zittern leis im warmen Frühlingsduft. Wetterschwere, fahle Wolken Schwimmen träg in weisslich blauer Luft. Müde spielt die Frühlingssonne In dem grünenden Geäst, Nur die Amsel trägt geschäftig Reiser ins verborgne Nest. Langsam schleichen mir die Stunden, Leer stirbt mir der Tag dahin; Ruhe glaubte ich gefunden, Da ich fern von Dir jetzt bin!

Auf blankem Strom Zwischen Schilf und Ried Mein gleitender Kahn zur Haimath zieht. Die Sonne vergoldet zum letzten Mal Die Gräserspitzen im schweigenden Thal. Es athmen die Wiesen Blumenduft, Die Schwalbe badet in goldener Luft. Die Reiher ziehn in die Ferne. Ach wenn ich mein Mädel im Arme hätt' Das Eiland dort würd' unser Hochzeitsbett; Bleichrote Schilfblumen hielten Wacht. Vor unsrer einsamen Märchenpracht Bis tief in die Nacht! Dann könnte die Welt in Trümmer gehn; Im Himmel würden die Sterne wir sehn In Seeligkeit mit ihnen untergehn Und auferstehn!

Hohe Blumen, steile Gräser Zittern leis im frühlingstrunknem Duft. Dämmernd schimmern Apfelblüthen In der hohen Abendluft. Golden kriecht die letzte Sonne Durch das wirre Baumgeäst Küsst zur Nacht die kleinen Blüthen, Küsst das kleine Finkennest.

Schwarzes nächtiges Thal, lichterbesät; Der Nachtigall lockendes Schlagen, Ein Suchen, ein Finden, Ein Schmiegen, ein Pressen; Weich legt sich Dein zitternder Arm Um meinen gebeugten Nacken.

In weissen Anemonenkissen lag Ein graugranitner Stein. Hier sassen manchmal wir bei Tag, Die Hände ein in ein.

Und vor uns lag In brauner stiller Haide Ein blanker See; Und wie in heller Freude Spielten mit ihm Die Wolken aus luft'ger Höh'.

Sie zogen, wenn der Abend naht, In weite, weite Ferne; Und bauten Schlösser Thürm und Stadt Wie folgten wir so gerne.

Und wenn sich dann der Abend müde streckt Auf seinem weiten braunen Haideland, Und wenn die Dämmrung dann das Lager deckt Bis an den fernen, dunst'gen Hügelrand,

Dann zittert lockend durch die weiche Luft, Bald mächtig schwellend in den Abendduft Zu hohem Lied, zu vollem Schall Der Sang der Nachtigall.

Bleichschimmender Stern aus weitem Reich Wiegt golden sich spiegelnd im dämmrigen Teich Die Luft ist warm und von Blüthenduft trunken. Im steilen Gras, in Blumen versunken, Ruhn still zwei Menschen Hand in Hand Und träumen von einem Wunderland. Die Nachtigall singt das Hochzeitslied, Ein Falter von Blume zu Blume zieht, Glühwürmchen leuchten zu Füssen, Die Blumen nicken und grüssen.

Der Frühling tobte aus sein glänzend Blumenfest; Der Sommer ging, die Schwalbe liess ihr Nest. Da kam der Herbst und mit ihm kam der Tod, Der eisig alle Blumen knickte, Und mit ihm kam auch unsre Trennungsnot: Der harte Zwang, der mich in's Leben schickte.

Wir sassen still in Deiner kleinen Kammer; Tief bücktest Du Dich auf die Arbeit nieder Und tiefer sank Dein Kopf Dir auf das Mieder. Wer kennt den hoffnungslosen Jammer Wenn Menschen, die sich ewig lieb, Der Kampf des Lebens auseinander trieb.

Noch fühle ich Dein warm pulsirend Leben; Noch fühl ich Deinen zarten Körper beben In meinen Armen, die zum letzten Mal Dich fest umschlossen in der Trennungsqual. Ich eilte fort; und langsam schwand Das Häuschen in der dichten Nebelwand.

Leise lockend Gleitet schmeichelnd, Still die unendliche Fluth; Spielt mit dem höhnisch sich Spiegelnden, winkenden Leben der Stadt in verlöschender Gluth.

Langsam gleitet ein Kahn. Er hält nicht an; Gleitet hinab in die Ferne, Dort wo die Sterne Küssen die Fluth.

Stumm in dem schwarzen gleitenden Boot Steht mir Frieden verheissend der Tod.

Bang vor dem Leben, Das mir gegeben, Schrei ich dir zu: Gieb mir die Ruh'! Ende die Not! Nimm mich, Tod!

Langsam strich ich durch den alten Garten, Wo bemooste Apfelbäume starrten Mit den krummen Knorrenarmen In die hohe Abendluft; Wo im erdgen Bodenduft Kleine weisse Glockenblumen Auf den Gruss der Sonne warten.

Von dem Berge, durch die niedern Föhren Stieg ich langsam, Abenddämmerschein Grauer Winter war's, Hoch über Nebelwogen, Die von unten aus dem Thal herzogen, Tönte rauh der Wildgans grelles Schrein.

Hinter winterkahlen Lindenhecken Lag, als wollten sie es schützend decken, Still das weisse, rotbedachte Haus. Träumend staunen in den alten Garten, Wollen sie ein Wunder stumm erwarten? Fenster, heimlich blinkende, hinaus.

Müde flüchtend aus den lauten Wogen Hat es sehnend heimwärts mich gezogen. Und das Leben, das ich gerne liess, Tausch ich nun mit trautem Paradies.

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