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Das rasende Leben Zwei Novellen   By: (1890-1966)

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Transcriber's Note: Text that was s p a c e d o u t has been changed to italics . Double quotation marks have been encoded as » and « and single quotation marks as > and <, respectively.

DAS RASENDE LEBEN

ZWEI NOVELLEN

von

KASIMIR EDSCHMID

LEIPZIG

KURT WOLFF VERLAG

Bücherei »DER JÜNGSTE TAG« Band 20

Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig.

COPYRIGHT/KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG/1915

Diese Novellen reden im hauptsächlichen Sinn nicht (wie das vorausgegangene Buch) vom Tod als einer letzten Station, nicht von Trauer und vom Verzichte. Sie sagen auch nicht: leben. Sie sagen: rasend leben. Mit vierundzwanzig Jahren starb, ein ungeheueres zersprungenes Gefäß der Kraft, zu früh mein Landsmann und sehr großer toter Bruder Georg Büchner. Er stammte aus Darmstadt, liebte den Elsaß und ist mir auch sonst seltsam nahe. Schrieb Lenz, Danton, Wozzek und die unendliche Süßigkeit Leonce und Lenas. Ich widme dies Buch des größten Lebenswillens seinem großen Andenken.

DAS BESCHÄMENDE ZIMMER

DEN ABEND war ich bei einem Freunde. Wir waren allein. Wir hatten uns in politischen Dingen ausgerast. Wir hatten Tee getrunken, der ich glaube sehr leicht nach dem Haar von Kamelen roch. Er sprach von einer Jagd in Turkestan. Darauf sagte ich einiges und beiläufig von Wintertagen bei Utrecht. Dann redeten wir lange wieder von Paris. Ich hatte gerade die Schattenspiele der Connards erwähnt und wollte anfangen, von dem merkwürdigen Effekt zu erzählen, als ich Wolfsberg ohne Bart am Square de Vaugirard traf . . . da war mein Freund, der ganz ruhig gesessen hatte, wie unter einem lang zurückgehaltenen Entschluß rapid aufgestanden und hatte mich durch sein Bad in ein Zimmer geführt, von dessen Existenz ich keine Ahnung hatte.

Er hob den Arm. Zwei Lichter am Fuß der Wände füllten sich langsam mit prächtigem Licht und strichen in warmen Flutungen und Bündeln die honiggelben Seiten hinauf. Dann öffnete er das große Fenster nach der Straße und schob eine Jalousie vor das Loch. Sein Profil stand rasch, von Abenteuern zerfetzt, aber gütig, vor dem hellen Tuch . . . dann waren nur seine Hände da, die grotesk waren in ihrer Röte und noch mehr wie sonst denen eines Matrosen ähnlich schienen, wo sie allein von Licht überspielt dastanden. Kraft, die in Weichheit gebändigt war, ging von allen seinen Bewegungen aus.

Dann öffnete er gegenüber zwischen zwei Schränken das Schiebefenster zum Garten. Sommerliche Nacht strich herein. Das Tuch lehnte sich tief aus der Füllung. Schatten überschaukelten den Teppich und an den Wänden zog ein Klappern hin. Es war ein melancholisches unangenehmes Geräusch. Als ich aufsah, lächelte der Freund, wies mit halbgedrehter Hand auf die Bilder, die die hohe und breite Mauer in einem Gurt durchschnürten, daß über und unter ihnen eine gleiche Fläche glänzender Tapete freiblieb. Sie hingen an Stricken, Bändern, Seidenkordeln und Tauen. Einige bedeckten sich fast völlig, manche überschnitten sich mit den Rahmen und bildeten in allen Stufen und Farben zusammenhängend ein eigentümliches Mosaik.

Wies auf die Bilder und sagte: »Es ist keines darunter, in dem nicht ein Erlebnis wühlte. Es ist eine Laune oder ein Experiment. Ich muß es abwarten. Ich habe sie hier aufgehängt ohne Auswahl, ohne Ordnung, je wie ich hierher zurückkehrte und wie es mir gefiel. Es liegen Jahre in manchem eingeschlossen und strömen sich aus.

Oft ist mein ganzes Zimmer hier voll von dem Frühling in Paris. Dieses Bild ist die Schaukelnde des Fragonard. Sie hat das eine Bein zurückgezogen, das andere zieht in dem trotzigen Aufschwung noch die Volute der losgeschnippten Pantoufle nach, und um diese graziöse Entblößung fällt das Schwebende der weiten Robe und der Duft der Farbe, der gleich einer Wolke darübersteht.

Ich kaufte es eines Abends an einem Tag, da wir morgens nach St... Continue reading book >>




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