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Der Schäfer Eine Geschichte aus der Stille   By: (1859-1927)

Book cover

First Page:

Der Schäfer

Eine Geschichte aus der Stille

von

Franziska Mann

mit

Scherenschnitten

von

Alfred Thon

Axel Juncker Verlag Berlin W 15

Druck von Frankenstein & Wagner, Leipzig.

Ich widme dieses Buch meinem Freunde

Dr. Julius Mann.

Seelen gibt es, die an Sterne mahnen, Unbemerkt auf sonn'gen Alltagsbahnen; Dämmerung und Finsternis erst sagen Euch, wieviel des Lichts sie in sich tragen.

Anastasius Grün.

[Abbildung]

Mutig ragt auf roter Heide eine Fichte in die Höhe. Mutig und einsam! Kein Nordwind konnte ihre Äste bisher verbiegen oder zerbrechen. Die leicht sich wiegenden Zweige bilden sich ein, daß sie immer aufwärts gestreckt von würzigen Wohlgerüchen umspielt sein werden. Ja, genau so hoffnungssicher ist diese Fichte, wie junge Menschen, die noch nichts von Wintersnot und Lebensschicksalen erfuhren.

Durch die sonnige Stille klingt leises Krähen. Vergebens versuchen die frohen Äste sich abwärts zu neigen; denn gerade neben ihrem Stamm erhebt sich ein Stimmchen. Vogelsang, Sturmgebraus oder menschliches Lachen und Weinen vermögen sie nicht mit Sicherheit zu unterscheiden.

Über den Rand einer grob zusammengezimmerten Holzkiste, die hier verlassen stehen geblieben welches mag ihr früherer Inhalt gewesen sein? krallt sich ein rotes, winziges Fäustchen. Es kann nur einem Erdenbürger gehören, der noch nicht lange in der Welt Aufenthalt genommen hat.

Kinderwagen kosten Geld, aber eine alte Holzkiste und starker Bindfaden sind leicht gefunden, und kleine Mädchen sind gern auch öfter mal Pferd oder Kutscher. Ann Gret hat zuerst fein behutsam gezogen. Nur Trin und Dortchen hätten nicht kommen dürfen. Im Staube liegt die Leine.

Betrachtete jemand das krähende Geschöpfchen etwas genauer, so wüßte er, dies Bübchen ist nicht fürs Traurigsein geschaffen. Es lacht und hätte doch so manchen Grund zum Weinen: große Schweißperlen tropfen von seiner Stirn; ein Krüstchen Brot, an dem die roten Lippen mit Behagen gesaugt hatten, ist seinem Mündchen entglitten. Auf des Kindes Nase sitzt eine Fliege, die fast halb so groß ist wie die ganze kleine Nase. Ungemach genug für das Menschlein, und doch kräht Jachl vor Lust. Es bekümmert ihn wenig, daß Ann Gret, die Wagenlenkerin, ihn schmählich hier verlassen hat.

Niemand ist in der Nähe. Nur ein Hase hockt auf der Heide und spitzt die Ohren. Er wagt sich nicht hervor, hat er doch hier, nicht weit entfernt, Furchtbares entdeckt. Wieder einmal sah er etwas Riesenhaftes, das die Menschen »Haus« nennen. Ein Haus ist für den bebenden Hasen fast so schlimm wie ein Gewehrlauf. Häusern darf man, wenn man seines Lebens froh bleiben will, nie zu nahe kommen. Dem Hasen erscheinen alle Gebäude in gleicher Weise gefährlich. Doch vor diesem Hüttchen Mutter Bohn haust in ihm brauchte er wahrlich nicht Reißaus zu nehmen. Das Häuschen steht nicht. So stolz ist es nicht. Es hat sich nur auf die Erde gekauert, bescheiden dicht an einen Heidehügel hingeduckt. Sonne umhuscht sein morsches Gemäuer; auf braune Balken hat sie schillernde Funken gestreut. Das gefällt den Menschen. Es tut ihnen wohl, wenn die karge Wirklichkeit ein bißchen trügerisch überflammt ist. Dann können sie vergessen, daß die Sonne untergehen muß, und daß Not und Sorge Alltagsgäste auf Erden sind.

In dieser Stunde leuchtet alles im Umkreise in schimmerndem Reichtum. Auch der seichte Bach funkelt. Drei pausbäckige Dirnchen umspringen ihn. Ann Gret tappt mit den Fußspitzen ins Wasser. Sie hat Mut: sogar an Baden denkt sie, an Kleiderausziehen und weit ins Wasser springen. Lustig, lustig ist alles auf Erden auch für Trin und Dortchen. Beide haschen vergeblich nach dem winzigen Getier im Tümpel, das so leicht zu fangen scheint, und das doch immer wieder behend davon schlüpft. Dann wieder bespritzen sich die Freundinnen gegenseitig und laufen voreinander davon... Continue reading book >>




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