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Die Ahnfrau   By: (1791-1872)

Book cover

First Page:

Die Ahnfrau

Franz Grillparzer

Trauerspiel in fünf Akten (1817)

Personen:

Graf Zdenko von Borotin Berta, seine Tochter Jaromir Boleslav Günther, Kastellan Ein Hauptmann Ein Soldat Mehrere Soldaten und Diener Die Ahnfrau des Hauses Borotin

Erster Aufzug

Gotische Halle. Im Hintergrunde zwei Türen. An beiden Seitenwänden, links und rechts, ebenfalls eine Türe. An einer Kulisse des Vorgrundes hängt ein verrosteter Dolch in seiner Scheide. Später Winterabend. Licht auf dem Tische.

Graf Borotin. Berta.

Der Graf (am Tische sitzend und auf einen Brief hinstarrend, den er in beiden Händen hält). Nun Wohlan, was muß geschehe! Fallen seh ich Zweig' auf Zweige, Kaum noch hält der morsche Stamm. Noch ein Schlag, so fällt auch dieser Und im Staube liegt die Eiche, Die die reichen Segensäste Weit gebreitet rings umher. Die Jahrhunderte gesehen Werden, wachsen und vergehen, Wird vergehen so wie sie; Keine Spur wird übrigbleiben; Was die Väter auch getan, Wie gerungen, wie gestrebt, Kaum daß fünfzig Jahr' verfließen Wird kein Enkel mehr es wissen Daß ein Borotin gelebt!

Berta (am Fenster). Eine grause Nacht, mein Vater! Kalt und dunkel wie das Grab. Losgerißne Winde wimmern Durch die Luft, gleich Nachtgespenstern; Schnee soweit das Auge trägt, Auf den Hügeln, auf den Bergen, Auf den Bäumen, auf den Feldern, Wie ein Toter liegt die Erde In des Winters Leichentuch; Und der Himmel, sternelos, Starrt aus leeren Augenhöhlen In das ungeheure Grab Schwarz herab!

Graf. Wie sich doch die Stunden dehnen! Was ist wohl die Glocke, Berta?

Berta (vom Fenster zurückkommend, und sich, dem Vater gegenüber, zur Arbeit setzend). Sieben Uhr hat's kaum geschlagen.

Graf. Sieben? Und schon dunkle Nacht! Ach, das Jahr ist alt geworden, Kürzer werden seine Tage, Starrend stocken seine Pulse Und es wankt dem Grabe zu.

Berta. Ei, kommt doch der holde Mai, Wo das Feld sich kleidet neu, Wo die Lüfte sanfter wehen Und die Blumen auferstehen!

Graf. Wohl wird sich das Jahr erneuen, Diese Felder werden grünen, Diese Bäche werden fließen, Und die Blume, die jetzt welket, Wird vom langen Schlaf erwachen Und das Kinderhaupt erheben Von dem weißen, weichen Kissen, Öffnen ihre klaren Augen Freundlich lächelnd wie zuvor. Jeder Baum, der jetzt im Sturme Seine nackten, dürren Arme Hilfeflehend streckt zum Himmel, Wird mit neuem Grün sich kleiden. Alles was nur lebt und webt In dem Hause der Natur, Weit umher, in Wald und Flur, Wird sich frischen Lebens freuen, Wird im Lenze sich erneuen: Nie erneut sich Borotin!

Berta. Ihr seid traurig, lieber Vater!

Graf. Glücklich, glücklich nenn ich den, Dem des Daseins letzte Stunde Schlägt in seiner Kinder Mitte. Solches Scheiden heißt nicht Sterben; Denn er lebt im Angedenken, Lebt in seines Wirkens Früchten, Lebt in seiner Kinder Taten, Lebt in seiner Enkel Mund. O es ist so schön, beim Scheiden Seines Wirkens ausgestreuten Samen Lieben Händen zu vertraun, Die der Pflanze sorglich warten, Und die späte Frucht genießen; Im Genusse doppelt fühlend Den Genuß und das Geschenk. O es ist so süß, so labend, Das was uns die Väter gaben Seinen Kindern hinzugeben Und sich selbst zu überleben!

Berta. Über diesen bösen Brief! Ihr wart erst so heiter, Vater, Schienet seiner Euch zu freuen, Und nun, da Ihr ihn gelesen, Seid mit eins Ihr umgestimmt.

Graf. Ach, es ist nicht dieses Schreiben, Seinen Inhalt konnt' ich ahnen. Nein es ist die Überzeugung, Die sich immer mehr bewährt; Daß das Schicksal hat beschlossen, Von der Erde auszustoßen Das Geschlecht der Borotin! Sieh, man schreibt mir, daß ein Vetter, Den ich kaum einmal gesehen, Der der einz'ge außer mir Von dem Namen unsers Hauses, Kinderlos, ein welker Greis, Gählings über Nacht gestorben. Und so bin ich denn der Letzte Von dem hochberühmten Stamme, Der mit mir zugleich erlischt. Ach, kein Sohn folgt meiner Bahre, Trauernd wird der Leichenherold Meines Hauses Wappenschild, Oft gezeigt im Schlachtgefild, Und den wohlgebrauchten Degen Mir nach in die Grube legen... Continue reading book >>




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