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Fabeln und Erzählungen   By: (1729-1781)

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First Page:

Fabeln und Erzählungen

Gotthold Ephraim Lessing

Inhalt:

Das Geheimnis Das Kruzifix Das Muster der Ehen Der über uns Der Adler und die Eule Der Eremit Der Hirsch und der Fuchs Der Löwe und die Mücke Der Sperling und die Feldmaus Der Tanzbär Der Wunsch zu sterben Die Bäre Die Brille Die Nuß und die Katze Die Sonne Die Teilung Die eheliche Liebe Die kranke Pulcheria Faustin Morydan Nix Bodenstrom

Das Geheimnis

Hans war zum Pater hingetreten, Ihm seine Sünden vorzubeten. Hans war noch jung, doch ohne Ruhm, So jung er war, von Herzen dumm. Der Pater hört ihn an. Hans beichtete nicht viel. Was sollte Hans auch beichten? Von Sünden wußt er nichts, und destomehr vom Spiel. Spiel ist ein Mittelding, das braucht er nicht zu beichten. "Nun, soll das alles sein? Fällt", sprach der Pater, "dir sonst nichts zu beichten ein?" "Ehrwürdger Herr, sonst nichts "Sonst weißt du gar nichts mehr?" "Gar nichts, bei meiner Ehr!" "Sonst weißt du nichts? das wäre schlecht! So wenig Sünden? Hans besinn dich recht." "Ach Herr, mit Seinem scharfen Fragen Ich wüßte wohl noch was." "Nu? Nur heraus! "Ja das, Herr Pater, kann ich Ihm bei meiner Treu nicht sagen." "So? weißt du etwa schon, worüber junge Dirnen, Wenn man es ihnen tut, und ihnen nicht tut, zürnen?" "Herr, ich versteh Euch nicht" "Und desto besser; gut. Du weißt doch nichts von Dieberei, von Blut? Dein Vater hurt doch nicht?" "O meine Mutter sprichts; Doch das ist alles nichts." "Nichts? Nu, was weißt du denn? Gesteh! du mußt es sagen! Und ich versprech es dir, Was du gestehest bleibt bei mir." "Auf Sein Versprechen, Herr, mag es ein andrer wagen; Daß ich kein Narre bin! Er darfs, Ehrwürdger Herr, nur einem Jungen sagen, So ist mein Glücke hin." "Verstockter Bösewicht", fuhr ihn der Pater an, "Weißt du, vor wem du stehst? daß ich dich zwingen kann? Geh! dein Gewissen soll dich brennen! Kein Heiliger dich kennen! Dich kenn Maria nicht, auch nicht Mariens Sohn!" Hier wär dem armen Bauerjungen Vor Angst beinah das Herz zersprungen. Er weint und sprach voll Reu: "Ich weiß" "Das weiß ich schon, Daß du was weißt; doch was?" "Was sich nicht sagen läßt" "Noch zauderst du?" "Ich weiß" "Was denn?" "Ein Vogelnest. Doch wo es ist, fragt nicht; ich fürchte drum zu kommen. Vorm Jahre hat mir Matz wohl zehne weggenommen." "Geh Narr, ein Vogelnest war nicht der Mühe wert, Daß du es mir gesagt, und ichs von dir begehrt."

Ich kenn ein drolligt Volk, mit mir kennt es die Welt, Das schon seit manchen Jahren Die Neugier auf der Folter hält, Und dennoch kann sie nichts erfahren. Hör auf, leichtgläubge Schar, sie forschend zu umschlingen! Hör auf, mit Ernst in sie zu dringen! Wer kein Geheimnis hat, kann leicht den Mund verschließen. Das Gift der Plauderei ist, nichts zu plaudern wissen. Und wissen sie auch was, so kann mein Märchen lehren, Daß oft Geheimnisse uns nichts Geheimes lehren, Und man zuletzt wohl spricht: War das der Mühe wert, Daß ihr es mir gesagt, und ichs von euch begehrt?

Die Freimäurer.

Das Kruzifix

"Hans", spricht der Pater, "du mußt laufen, Uns in der nächsten Stadt ein Kruzifix zu kaufen. Nimm Matzen mit, hier hast du Geld. Du wirst wohl sehn, wie teuer man es hält." Hans kömmt mit Matzen nach der Stadt. Der erste Künstler war der beste. "Herr, wenn Er Kruzifixe hat, So laß Er uns doch eins zum heilgen Osterfeste."

Der Künstler war ein schalkscher Mann, Der gern der Einfalt lachte, Und Dumme gern noch dümmer machte, Und fing im Scherz zu fragen an: "Was wollt ihr denn für eines?"

"Je nun", spricht Matz, "ein wacker feines. Wir werden sehn, was ihr uns gebt."

"Das glaub ich wohl, allein das frag ich nicht. Ein totes, oder eins das lebt?"

Hans guckte Matzen und Matz Hansen ins Gesicht. Sie öffneten das Maul, allein es redte nicht. "Nun gebt mir doch Bericht. Habt ihr den Pater nicht gefragt?" "Mein Blut!" spricht endlich Hans, der aus dem Traum erwachte, "Mein Blut! er hat uns nichts gesagt... Continue reading book >>




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