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Gedichte   By: (1830-1914)

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First Page:

Gedichte

Paul Heyse

(1865)

alphabetisch nach Titeln sortiert:

Über ein Stündlein Auf der Heimfahrt Novelle Vorfrühling

Über ein Stündlein.

Dulde, gedulde dich fein! Über ein Stündlein ist deine Kammer voll Sonne. Über den First, wo die Glocken hangen, ist schon lange der Schein gegangen, ging in Türmers Fenster ein. Wer am nächsten dem Sturm der Glocken, einsam wohnt er, oft erschrocken, doch am frühsten tröstet ihn Sonnenschein.

Wer in tiefen Gassen gebaut, Hütt' an Hüttlein lehnt sich traut, Glocken haben ihn nie erschüttert, Wetterstrahl ihn nie umzittert, aber spät sein Morgen graut.

Höh' und Tiefe hat Lust und Leid. Sag ihm ab, dem törigen Neid: andrer Gram birgt andre Wonne.

Dulde, gedulde dich fein! Über ein Stündlein ist deine Kammer voll Sonne.

Auf der Heimfahrt.

Es steht ein Haus im Garten, kühl an ein Wäldchen angelehnt. Auf allen meinen Fahrten hab' ich nach ihm mich heimgesehnt. Wie süß erklang dort Vogelsang, wie lachten Blumen ringsumher! Wie ging's im Lauf die Stieg' hinauf Nun graut mir vor der Wiederkehr. Im Haus, da ist ein Zimmer, so luftig hoch, so blank und rein. Was nur an Sonnenschimmer ums Häuschen streifte, drang herein. Wie lustig klang dort Kindersang, kein Winkel war von Spielen leer; dort fand ich Rast nach Tageslast Nun öffn' ich seine Tür nicht mehr.

Im Haus erklang ein Name von allen Lippen fort und fort, der hatte wundersame Gewalt, schier wie ein Zauberwort. Auf jedem Mund ein Lächeln stund, als ob's des Frühlings Namen wär' Jetzt geht er stumm gespenstig um, und wer ihn ausspricht, lacht nicht mehr.

Novelle

Sie kannten sich beide von Angesicht, Sie sprachen sich nie und liebten sich nicht. Er nahm ein Weib, das die Mutter ihm wählte, Als sie sich mit einem Vetter vermählte. Er war zufrieden mit seinem Los; Sie wähnte sich recht in des Glückes Schoß. Nur manchmal, zur Zeit der Fliederblüte, Was wollte da knospen in ihrem Gemüte?

Und einst nach Jahren am dritten Ort Da sagten sie sich das erste Wort, Am selben Tische zum ersten Male Der Flieder duftet' herein zum Saale.

Was er sie gefragt, was sie ihm gesagt, Es war nicht neu und war nicht gewagt; Doch plötzlich, mitten im Plaudern und Scherzen, Erschraken sie beide im tiefsten Herzen.

Sie hatten mit tödlichem Staunen erkannt, Wie seltsam eins das andre verstand, Auch das, was beiden im stillen Gemüte Erwachte zur Zeit der Fliederblüte.

Sie sahen sich an einen Augenblick Und sahn einen Abgrund von Mißgeschick, Dann blickten sie weg, und beide verstummten, So munter rings die Gespräche summten.

Drauf ging sie nach Haus mit dem eigenen Mann, Er führte sein Weib, so schieden sie dann Und sagten, sie würden sich glücklich schätzen, Die werte Bekanntschaft fortzusetzen.

Doch wie er am andern Morgen erwacht, Was hat ihn so bitter lachen gemacht? Und wie sie auffuhr von ihrem Kissen, Was hat sie so heimlich weinen müssen?

Sie haben sich niemals wiedergesehn, Sie wußten sich klug aus dem Weg zu gehn. Nur immer zur Zeit der Fliederblüte Wie Spätfrost schauert's durch ihr Gemüte.

Vorfrühling.

Stürme brausten über Nacht, und die kahlen Wipfel troffen. Frühe war mein Herz erwacht, schüchtern zwischen Furcht und Hoffen. Horch, ein trautgeschwätz'ger Ton dringt zu mir vom Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif Zweifelnd frag' ich mein Gemüte: Ist's ein später Winterreif oder erste Schlehenblüte?

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