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Immensee   By: (1817-1888)

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First Page:

Delphine Lettau, Charles Franks, and the Online Distributed Proofreading Team.

IMMENSEE

VON

THEODOR W. STORM

VORREDE

Wir befinden uns am Anfang einer neuen Ära, deren hauptsächliches Kennzeichen hoffentlich eine allgemeine Annäherung der Nationen unter einander sein wird. Immer mehr wird es als Notwendigkeit empfunden, daß wir uns gegenseitig besser kennen und verstehen lernen. Daraus ergiebt sich, daß das Erlernen der fremden Sprachen immer eine wichtigere Rolle spielen wird; denn soweit die Sprache, die Literatur und die Musik in Betracht kommen, kann man mit vollem Recht behaupten: fas est et ab hoste doceri.

Also werden diejenigen, welche sich mit der Sprache irgend eines Nachbarvolkes vertraut machen wollen, oder ihre vor längerer Zeit erworbenen Kenntnisse schon teilweise verlernt haben sollten, diese Ausgabe willkommen heißen, welche sie in den Stand setzen wird, derartigen Sprachstudien die Zeit zu widmen, über welche sie im Laufe des Tages für solche Zwecke verfügen können, ohne auf große und schwere Wörterbücher angewiesen zu sein.

Die Wahl der Texte hat nicht nur ihr literarischer Wert beeinflußt, sondern auch die Nützlichkeit ihres Wortschatzes, und gleicherweise im Bezug auf die Übersetzungen wurde es bezweckt, mit einem vornehmen Stil die möglichste Worttreue zu vereinigen.

EINLEITUNG

THEODOR W. STORM, Dichter und Novellist (1817 1888), stammte aus Schleswig, ließ sich 1842 als Advokat in seiner Vaterstadt Husum nieder, verlor aber 1853 als „Deutschgesinnter" sein Amt, und mußte sich nach Deutschland wenden. Erst 1864 durfte er nach Husum zurückkehren, wo er 1874 zum Oberamtsrichter befördert wurde.

Schon 1843 machte er sich als Lyriker und Romantiker bekannt, nahm aber erst als Novellist eine hervorragende Stellung ein, und zwar als er 1852 mit der Erzählung Immensee aufs glücklichste debütierte.

In der langen Reihe von phantasie und gemütsreichen Novellen, die darauf folgten, und deren Stoff meist aus dem ländlichen und bürgerlichen Kleinleben seiner nächsten Umgebung entnommen ist, hat er nichts geschrieben, das diese anmutige Erzählung an Tiefe und Zartheit der Empfindung übertrifft; und ist die deutsche Literatur an Novellendichtung außerordentlich reich, so zählt doch Storm überhaupt noch heute unter den Meistern.

DER ALTE

An einem Spätherbstnachmittage ging ein alter wohlgekleideter Mann langsam die Straße hinab. Er schien von einem Spaziergange nach Hause zurückzukehren, denn seine Schnallenschuhe, die einer vorübergegangenen Mode angehörten, waren bestäubt.

Den langen Rohrstock mit goldenem Knopf trug er unter dem Arm; mit seinen dunklen Augen, in welche sich die ganze verlorene Jugend gerettet zu haben schien, und welche eigentümlich von den schneeweißen Haaren abstachen, sah er ruhig umher oder in die Stadt hinab, welche im Abendsonnendufte vor ihm lag.

Er schien fast ein Fremder, denn von den Vorübergehenden grüßten ihn nur wenige, obgleich mancher unwillkürlich in diese ernsten Augen zu sehen gezwungen wurde.

Endlich stand er vor einem hohen Giebelhause still, sah noch einmal in die Stadt hinaus und trat dann in die Hausdiele. Bei dem Schall der Türglocke wurde drinnen in der Stube von einem Guckfenster, welches nach der Diele hinausging, der grüne Vorhang weggeschoben und das Gesicht einer alten Frau dahinter sichtbar. Der Mann winkte ihr mit seinem Rohrstock.

„Noch kein Licht!" sagte er in einem etwas südlichen Akzent, und die Haushälterin ließ den Vorhang wieder fallen.

Der Alte ging nun über die weite Hausdiele, durch einen Pesel, wo große eichene Schränke mit Porzellanvasen an den Wänden standen; durch die gegenüberstehende Tür trat er in einen kleinen Flur, von wo aus eine enge Treppe zu den obern Zimmern des Hinterhauses führte. Er stieg sie langsam hinauf, schloß oben eine Tür auf und trat dann in ein mäßig großes Zimmer.

Hier war es heimlich und still; die eine Wand war fast mit Repositorien und Bücherschränken bedeckt, an den andern hingen Bilder von Menschen und Gegenden; vor einem Tisch mit grüner Decke, auf dem einzelne aufgeschlagene Bücher umherlagen, stand ein schwerfälliger Lehnstuhl mit rotem Samtkissen... Continue reading book >>




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