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Weh dem, der lügt Lustspiel in fünf Aufzügen   By: (1791-1872)

Book cover

First Page:

WEH DEM, DER LUeGT!

von FRANZ GRILLPARZER

Lustspiel in fuenf Aufzuegen (1840)

Personen:

Gregor, Bischof von Chalons Atalus, sein Neffe Leon, Kuechenjunge Kattwald, Graf im Rheingau Edrita, seine Tochter Galomir, ihr Braeutigam Gregors Hausverwalter Der Schaffer Kattwalds Zwei Knechte Kattwalds Ein Pilger Ein fraenkischer Anfuehrer Ein Fischer Sein Knecht

Erster Aufzug

Garten im Schlosse zu Dijon, im Hintergrunde durch eine Mauer geschlossen, mit einem grossen Gittertore in der Mitte.

Leon, der Kuechenjunge, und der Hausverwalter am Gartentor.

Leon. Ich muss den Bischof durchaus sprechen, Herr!

Hausverwalter. Du sollst nicht, sag ich dir, verwegner Bursch!

Leon (sein Kuechenmesser ziehend). Seht Ihr? ich zieh vom Leder, weicht Ihr nicht. Teilt Sonn' und Wind, wir schlagen uns, Herr Sigrid.

Hausverwalter (nach dem Vorgrunde ausweichend). Zu Hilfe! Moerder!

Leon. 's ist mein Scherz ja nur. Doch sprechen muss ich Euch den Bischof, Herr.

Hausverwalter. Es kann nicht sein, jetzt in der Morgenstunde Geht er lustwandeln hier und meditiert.

Leon. Ei, meditier' er doch vor allem erst auf mich Und mein Gesuch, das liegt ihm jetzt am naechsten.

Hausverwalter. Dein Platz ist in der Kueche, dahin geh!

Leon. So? In der Kueche, meint Ihr? Zeigt mir die! Wenn eine Kuech' der Ort ist, wo man kocht, So sucht Ihr sie im ganzen Schloss vergebens. Wo man nicht kocht ist keine Kueche, Herr, Wo keine Kueche ist kein Koch. Das, seht Ihr? Wollt' ich dem Bischof sagen; und ich tu's, Ich tu's fuerwahr, und saeht Ihr noch so scheel. Pfui Schande ueber alle Knauserei! Erst schickten sie den Koch fort, nun, da meint' ich, Sie trauten mir so viel, und war schon stolz, Doch als ich anfing meine Kunst zu zeigen, Ist alles viel zu teuer, viel zu viel. Mit Nichts soll ich da kochen, wenn auch nichts. Nur gestern noch erhascht' ich ein Stueck Wildbret, So koestlich als kein andres, um 'nen Spottpreis, Und freute mich im voraus, wie der Herr sich, Der Alte, Schwache, laben wuerde dran. Ja, prost die Mahlzeit! Musst' ich's nicht verkaufen, An einen Sudelkoch verhandeln mit Verlust; Weil's viel zu teuer schien, gar viel zu kostbar. Nennt Ihr das Knauserei? wie, oder sonst?

Hausverwalter. Man wird dich jagen, allzu lauter Bursch!

Leon. Mich jagen? Ei, erspart Euch nur die Mueh'! Ich geh von selbst. Hier, meine Schuerze, seht! Und hier mein Messer, das Euch erst erschreckt, (er wirft beides auf den Boden) So werf ich's hin und heb es nimmer auf. Sucht einen andern Koch fuer eure Fasten!

Glaubt Ihr, fuer Geld haett' ich dem Herrn gedient? Es gibt wohl andre Wege noch und bessre, Sich durchzuhelfen, fuer 'nen Kerl wie ich. Der Koenig braucht Soldaten, und, mein Treu! Ein Schwert waer' nicht zu schwer fuer diese Hand. Doch sah ich Euern Bischof durch die Strassen Mit seinem weissen Bart und Lockenhaar, Das Haupt gebeugt von Alterslast, Und doch gehoben von ich weiss nicht was, Doch von was Edlem, Hohem muss es sein; Die Augen aufgespannt, als saeh' er Bilder Aus einem andern, unbekannten Land, Die allzugross fuer also kleine Rahmen: Sah ich ihn so durch unsre Strassen ziehn, Da rief's in mir: dem musst du dienen, dem, Und waer's als Stallbub. Also kam ich her. In diesem Haus, dacht' ich, waer' Gottesfrieden, Sonst alle Welt im Krieg. Nun da ich hier, Nun muss ich sehn, wie er das Brot sich abknappt, Als haett' er sich zum Hungertod verdammt, Wie er die Bissen sich zum Munde zaehlt. Mag das mit ansehn, wer da will, ich nicht.

Hausverwalter. Was sorgst du mehr um ihn, als selbst er tut? Ist er nicht kraeftig noch fuer seine Jahre?

Leon. Mag sein! Doch ist's was andres noch, was Tiefers. Ich weiss es manchmal deutlich anzugeben, Und wieder manchmal spukt's nur still und heimlich. Dass er ein Bild mir alles Grossen war Und dass ich jetzt so einen schmutz'gen Flecken, Als Geiz ist, so 'nen haemisch garst'gen Klecks, Auf seiner Reinheit weissem Kleide seh, Und sehen muss, ich tu auch, was ich will; Das setzt mir alle Menschen fast herab, Mich selber, Euch; kurz alle, alle Welt, Fuer deren Besten ich so lang ihn hielt, Und quaelt mich, dass ich wahrlich nicht mehr kann... Continue reading book >>




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